Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit e.V.

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Tagungen

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Tagung zu Halle
(19.-21.9.2001)

Der Arbeitskreis veranstaltet alle zwei Jahre eine Tagung zu grundlegenden Problemen der Militärgeschichte der Frühen Neuzeit. Im Septemper 2001 fand in Halle eine Tagung zu folgendem Thema statt.

Die besetzte res publica. Zum Verhältnis von ziviler Obrigkeit und militärischer Herrschaft in besetzten Gebieten vom Spätmittelalter bis zum 18. Jahrhundert.

Konzeption

Mit dem Phänomen 'militärische Okkupation' wird heute nahezu ausschließlich die deutsche Besatzungsherrschaft in Nord- und Westeuropa, vor allem aber in Ostmitteleuropa mit ihren zahlreichen, von Wehrmacht, SS und Polizei begangenen Verbrechen sowie die Kollaboration von Teilen der besiegten Nationen verbunden. Dahinter geriet z.B. selbst die deutsche Besatzungsherrschaft in Belgien und Nordfrankreich im Ersten Weltkrieg, die immerhin beinahe vier Jahre andauerte, fast in Vergessenheit. Erst seit kurzem wird sie nun unter dem Aspekt der Besatzungserfahrung von der deutschen und französischen Forschung thematisiert.

Dagegen ist die Tatsache, daß die Geschichte wechselseitiger militärischer Besetzung besipielsweise das deutsch-französische Verhältnis über dreihundert Jahre mitgestaltet hat, weitgehend in Vergessenheit geraten. Erinnert sei nur an die deutsche Militärherrschaft in der Normandie 1870/71 und vor allem die Napoleonische Herrschaft in Europa 1806-1813, an die Kriege Ludwigs XIV. und die Verwüstung der Pfalz, an die Besetzung des Elsaß und Freiburg Ende des 17. Jahrhunderts, an den Siebenjährigen Krieg 1756-1763 und schließlich die Revolutionskriege am Ausgang des 18. Jahrhunderts, die zunächst das Rheinland unter französische Militärverwaltung brachten.

Muß bereits diese deutsch-französische Besatzungserfahrung ungeachtet einiger vereinzelter Studien zum Siebenjährigen Krieg und zur Napoleonischen Zeit als bestenfalls bruchstückhaft aufgearbeitet gelten, so trifft dies erst recht für die zahlreichen längeren oder kürzeren Militärherrschaften anderer Mächte zu: von Schweden und Spanien im Alten Reich, von Spanien und Frankreich in Italien oder Spaniens, Frankreichs und der Generalstaaten in den südlichen Niederlanden; ebenso die De-Facto-Herrschaft von Heerführern z.B. im Dreißigjährigen Krieg oder während der französischen Religionskriege des 16. Jahrhunderts. Dies gilt schließlich ebenfalls für das ausgehende Mittelalter: Die Eroberung von Städten durch Fürsten (z.B. Mainz 1462, Lüttich 1486) oder andere Städte (Oberitalien im 13./14. Jahrhundert) und die sich daran anschließenden Eingriffe in die Verfassung sowie die Rechte und Freiheiten der Bürger während der militärischen Besetzung bedürfen ebenso weiterer Untersuchung wie die Auseinandersetzung zwischen Frankreich und England während des Hundertjährigen Krieges.

Die militärische Okkupation der Vormoderne präfiguriert in entscheidender Weise die Besatzungen auch späterer Zeiten - dies gilt sowohl für die völkerrechtliche und administrative Seite, also die eigentliche Besatzungsherrschaft, als auch für die Erfahrungen mit der Besatzung durch 'Fremde'. Deshalb wird im Rahmen der Tagung das Phänomen der militärischen Besetzung vom 14. bis 18. Jahrhundert für Westeuropa mit einem vergleichenden Blick in den arabischen Raum untersucht.

In einem ersten Zugriff wird anhand von zeitgenössischen theoretischen Überlegungen gefragt, ob es für die Besetzung von eroberten Städten und Regionen 'Spielregeln' gegeben hat, z.B. Verhaltensnormen für die Truppen und Befehlshaber gegenüber den Besetzten. Wurde das Problem der Besetzung reflektiert oder sind gar theoretische Überlegungen in systematischer Weise angestellt worden?

Zusammen mit der sich anschließenden vergleichenden Analyse der Fallbeispiele wird auf diese Weise eine Phänomenologie der Besatzungsherrschaft angestrebt. Bislang nämlich wird in der Forschung nicht stringent zwischen Besatzungsherrschaft im eigentlichen Sinne, also einer Übernahme obrigkeitlicher Funktionen durch das Militär und eine eventuell nachrückende Zivilverwaltung, und der vorübergehenden oder auch dauerhaften Herrschaftsetablierung fremder Mächte, die auf die militärische Eroberung folgen konnte, unterschieden.

Gemeinsames Vorgehen der Beiträge ist es, möglichst die erste Phase einer militärischen Okkupation zu fokussieren, also den Zeitraum, bevor eine Besatzungsherrschaft auf Dauer etabliert wurde. Auf diese Weise läßt sich genauer erkennen, inwieweit Besatzungsherrschaft und Administration bereits intendiert oder vorbereitet waren bzw. sie erst ad hoc aus der konkreten militärischen Notwendigkeiten und dem situativen Kontext entwickelt wurde. Dementsprechend soll nach den Absichten und Zielen der Besatzer gefragt werden, die über die Erpressung von Kontributionen und die Versorgung auf dem Durchmarsch hinausgehen. Welche Mittel zur Aufrechterhaltung des Besatzungszustands waren verfügbar; wie war das Verhältnis von Zwang/Gewalt zu etwaig gegebenen Versprechungen auf ein 'besseres Leben' unter der Besatzung? Welche Funktion und Herrschaftselemente übernahm der Militärkommandant, was blieb in der Hand der Zivilverwaltung? War Herrschaftsbildung auf Dauer intendiert?

Schließlich eröffnet die Untersuchung der Reaktion und des Verhaltens der Besetzten die Perspektive auf die Besatzungserfahrung, welche eine wichtige Ergänzung zu dem derzeit in der Forschung besonders nachhaltig diskutierten Ansatz der "Kriegserfahrung" darstellt. Dieser Aspekt ist vor allem deshalb interessant, weil die zeitliche Erstreckung der Besatzungsherrschaft von den Einwohner der Städte, Regionen oder Länder nicht eingeschätzt werden konnte und sie sich auf einen Zustand von unbestimmter Dauer einstellen mußten. Die Frage nach der gegenseitigen Wahrnehmung von Besatzern und Besetzten ist von grundlegender Relevanz, weil sie handlungsleitend war und deshalb in einem erheblichen Maße den Umgang miteinander - zwischen Kooperation und Widerstand - determinierte.

Am Ende der Tagung sollen erste Bausteine bzw. grundlegende Elemente für eine Typologie der Besatzungsherrschaft sichtbar sein.

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