Die Kapitalisierung des Krieges
Kriegsunternehmer in Spätmittelalter und Früher Neuzeit
Tagungsexposé
Konferenzen fragen nach der „Rückkehr der Condottieri“, Fernsehsender und wissenschaftliche Foren lassen über die „Reprivatisierung des Krieges“ und über den Wiedereinzug des Mittelalters diskutieren: Es ist kaum zu übersehen, dass die verstärkte Nutzung privatunternehmerischer Dienstleistungen bei der Vorbereitung und Durchführung von Kriegshandlungen, die in den Konflikten der letzten Jahre zu beobachten war, nicht nur auf eine sensible Wahrnehmung in Politik, Medien und Wissenschaft stößt, sondern ganz offensichtlich sogleich zu historischen Assoziationen einlädt. Aufschlussreich ist dabei, dass in dieser Diskussion – anders als in parallelen Debatten, wie etwa jenen um Sozialreformen – das Vertrauen in die Vorzüge privater Unternehmertätigkeit einmal nicht als Inbegriff von Modernisierung und Effizienz steigernder Rationalität gedeutet, sondern eher als Rückfall in einen überwunden geglaubten, archaischen Zustand begriffen wird. Offensichtlich sind Gewalt und Krieg eines der letzten Felder, auf dem staatliche Kontrolle und Organisation nach wie vor als modern, die privat(unternehmerisch)e Betätigung hingegen als vor- oder unmodern gilt.
Hierbei wirkt sicher nach, dass man die „Entprivatisierung“ des Krieges im Zuge der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Ausbildung von Staatlichkeit und staatlichen Gewaltmonopolen als wichtigen Baustein in Deutungskonzepte einfügte, die diesen Prozess als Fortschritt im Sinne von Rationalisierung und Modernisierung werten. Demgegenüber galten jene Unternehmer, die ihr militärisches Können zur Kapitalbildung zu nutzen wussten oder ihr Kapital gewinnbringend auf den Schlachtfeldern Europas einsetzten, als Repräsentanten einer von ungezügelter Gewalt geprägten und daher zu überwindenden Zeit.
Solche teleologischen Deutungen haben sich als folgenreich für den Gang der historischen Forschung erwiesen: Obwohl sich privates Kriegsunternehmertum vom 13. bis zum 17. Jahrhundert als eine wesentliche Grundlage der in dieser Zeit erheblich expandierenden Kriegführung nachweisen und genauer analysieren lässt, offenbart ein Blick auf den Forschungsstand erhebliche Defizite und Ungleichgewichte: Umfassende Studien zum späten Mittelalter sind zahlreicher als solche zur Frühen Neuzeit, der Süden Europas ist weit besser erforscht als der Norden und Westen, personen- und familiengeschichtliche Zugänge sind erheblich verbreiteter als systematische. Insbesondere der Frühneuzeitforschung, die sich mit Ausnahme der Pionierstudie Redlichs von 1964/65 kaum systematisch für die unternehmerischen Aspekte des Krieges interessiert hat, haben stark modernisierungstheoretisch geprägte Vorstellungen über Staatsbildungsprozesse den Blick auf Bedeutung, Komplexität und Persistenz des Phänomens bis in das 17. Jahrhundert tendenziell verstellt. Selbst die fast schon sprichwörtliche ‚Ausnahme’ Wallenstein wird in dieser Perspektive zum Vorläufer des ‚absolutistischen’ Staates. Aber auch die Mediävisten haben die Fäden allzu oft spätestens im 16. Jahrhundert aus der Hand gelegt, ohne sich zu fragen, ob bloße Konventionen der Epochengliederung oder tatsächlich sachliche Argumente für ein Ende ihres Untersuchungsganges sprachen. Nicht selten hat man sogar ohne wirkliche, aus vergleichender Arbeit begründete Veranlassung gemeint, die Kriegsunternehmertätigkeit des Mittelalters von jener der Frühen Neuzeit scharf unterscheiden und so die Epochenscheide im 16. Jahrhundert bekräftigen zu können. Dass unter diesen Bedingungen kein intensiverer Austausch zwischen Mediävisten und Frühneuzeitforschern über einen gemeinsamen Gegenstand in Gang kam, nimmt kaum wunder.
Dieser unbefriedigende Befund bildet den Ausgangspunkt für die hier projektierte Tagung, die in internationaler Zusammensetzung Vertreterinnen und Vertreter aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenbringt. Sie wählt die Verbindung kriegerischen und unternehmerischen Handelns in Spätmittelalter und Frühneuzeit zu ihrem Gegenstand und blickt damit auf die historischen Wurzeln eines höchst aktuellen Phänomens. Das Kriegsunternehmertum soll dabei als eine langlebige, Epochen übergreifende Erscheinung betrachtet werden, die sich keineswegs ohne Weiteres als bloßes Randphänomen oder als regionalspezifisches Sonderproblem in eine ebenso weit verbreitete wie simplifizierende Vorstellung einer linearen militärgeschichtlichen Entwicklung einfügen lässt, die von „mittelalterlichen Gefolgschaftsheeren“ zu „frühstaatlichen Dienst- und Berufsheeren“ führte. Entwicklungszäsuren in der Geschichte des Kriegsunternehmertums wiederum können nur Resultat diachroner wissenschaftlicher Erkundungen sein, nicht aber aus Fachtraditionen abgeleitet werden. Es gilt also erst zu klären, ob und inwieweit das Kriegsunternehmertum sich in den Kontext idealtypischer Modernisierungs- und Staatsbildungsvorstellungen einbinden lässt. Dafür ist zu prüfen, unter welchen politischen, sozialen, technologischen und ökonomischen Bedingungen es entstehen, sich etablieren und entfalten, sodann aber auch wieder an Bedeutung verlieren konnte – ohne freilich je ganz verschwunden zu sein.
Hilfreich für die systematische Annäherung kann das Konzept einer ‚Kapitalisierung des Krieges’ sein, wobei hier von Kapitalisierung in einem weiten Bedeutungsspektrum gesprochen wird. Hierzu kann gehören, dass Akteure materielle und personelle Ressourcen anbieten, um Gewinne zu generieren: Geld, Waffen, technisches Gerät, Versorgungsmittel, Raum, Tiere und Menschen können dazu zählen. Auch Kompetenzen lassen sich kapitalisieren, so beispielsweise strategische Erfahrungen, taktische Fähigkeiten oder technische Kenntnisse. Die gezogenen Gewinne wiederum lassen sich erneut unternehmerisch in das Kriegsgeschehen einspeisen. Doch nicht nur um materielle Profite kann es dabei gehen. Auch andere Formen des Gewinns, andere Formen der Kapitalbildung kennt das Kriegsunternehmertum. So lassen sich aus solchem Handeln Prestige und politischer Einfluss gewinnen, also soziales Kapital bilden; sogar konkrete Herrschaft lässt sich auf diesem Weg erreichen, absichern oder vermehren. Und auch dies alles kann schließlich wieder als Kapital zur Kriegführung verwendetet werden. Kurzum: Jede Ressource, die der Kriegführung notwendig oder nützlich ist, lässt sich unternehmerisch einsetzen, wodurch der Krieg insgesamt eine umfassende Kapitalisierung erfährt.
In drei Sektionen soll dieses Feld systematisch erkundet werden. In einem ersten Schritt sollen die personellen und materiellen Ressourcen, Finanzen und Logistik betrachtet werden. Welche Ressourcen aus welchen Quellen werden auf welchen Wegen kriegsunternehmerisch kapitalisiert? Welche Gewinne und Verluste werden realisiert? Wie organisiert und erhält man das Kapital, wie bietet man es an? Welche technologischen, welche gesellschaftlichen Gegebenheiten bestimmen die Entwicklungen?
Sodann sind in einem zweiten Schritt die Akteure genauer in den Blick zu nehmen: Welche sozialen Profile, Karrieremuster, Persönlichkeitsbilder, Handlungsmotive und -kontexte lassen sich ausmachen? Wer wird überhaupt Kriegsunternehmer? Wann und warum gelingt kriegsunternehmerisches Handeln, unter welchen Umständen scheitert es? Wo und unter welchen Bedingungen bilden sich Handlungstraditionen aus? Ist das Kriegsunternehmertum eher als Lebensphase oder als Lebensform zu begreifen?
Die Kapitalisierung des Krieges hat stets ebenso Heroisierung wie Verachtung, Zustimmung wie Kritik erfahren. Und so scheint es aufschlussreich, der Darstellung, Deutung und Rezeption des Kriegsunternehmertums in einer dritten Sektion gleichermaßen Raum zu geben. Dabei sind zunächst die genutzten Medien zu betrachten: Bilder und Plastik, Architektur und Interieur, Literatur und Dichtung, Musik, Siegel, Wappen und Inschriften – all dies kann hier von Belang sein. Sodann wird man nach Rezeption und Deutung in Philosophie, Theologie und Geschichtsschreibung fragen müssen. Bei alledem ist möglichst scharf zu scheiden zwischen Selbstdarstellung und Selbstdeutung der Kriegsunternehmer, der zeitgenössischen Fremdwahrnehmung und der späteren Rezeption, ein Anspruch der selbstverständlich scheint, aber in der Praxis oft durchaus schwierig zu realisieren ist.
Am Ende der Tagung sollen eine Reihe von Fallanalysen und systematischen Untersuchungen vorliegen, die es erlauben, in einem diachronen Zugriff das Profil des europäischen Kriegsunternehmertums zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert schärfer zu konturieren und davon ausgehend nach Kontinuität und Wandel in Gestalt und Funktion dieses Phänomens zu fragen.
Matthias Meinhardt/Markus Meumann
The Capitalisation of War
Military Entrepreneurs in the Later Middle Ages and the Early Modern Period
Symposium Synopsis
Conferences are asking after “the return of the condottieri”, television stations and scientific forums organise discussions on the subject of “the re-privatisation of war” and the re-mergence of the Middle Ages: It is hard to miss that the increasing use of private service providers in the preparation and conduct of war in recent years, not only causes a sensitive reaction among politicians, the media and the scientific community, but also invites historic associations. It is revealing that in this discussion trust in the advantages of private enterprise is for once not interpreted as the embodiment of modernisation and efficiency of increased rationality – in contrast to parallel discussions, like those on social reform – but is seen as a relapse into an archaic state considered overcome. Apparently, violence and war are among the last areas where government control and organisation are still regarded as modern, whereas private (enterprise) involvement is considered pre-modern or obsolete.
This is probably influenced by the fact that the “de-privatisation” of war in the course of the later medieval, early-modern formation of statehood and the state’s monopoly on power formed an important building block in interpretative models, which saw this process as progress in the sense of rationalisation and modernisation. All those entrepreneurs, by way of contrast, who knew how to employ their military skills for the accumulation of capital, or who deployed their capital on Europe’s battlefields, were considered representatives of an era of unbridled power, which had to be overcome. Such teleological interpretations have proved far-reaching in their consequences for the course of historical research: Even though private military enterprise can be shown to have formed an essential part of the foundation for the significantly expanding warfare between the thirteenth and seventeenth centuries, a look at the state of research in this area reveals significant gaps and imbalances: detailed studies on the Later Middle Ages are more numerous than those for the Early Modern period, Southern Europe is significantly better researched than Northern and Western Europe, and approaches focussing on the history of individuals and families are much more common compared with systematic ones. Ideas on the processes involved in the creation of the state, strongly influenced by the theory of modernisation, have obscured the view of the significance, complexity and persistence of military entrepreneurship among historical research into the Early Modern period in particular, which with the exception of Redlich’s pioneering study from 1964/65 has shown hardly any interest in the entrepreneurial aspects of war. From this perspective even the almost proverbial ‘exception’ Wallenstein becomes a forerunner of the ‘absolutist’ state. However, medievalists, too, have not pursued the subject beyond the sixteenth century without asking the question whether the temporal endpoint of their research was informed by the mere convention of historical epochs or by factual considerations. Frequently it has been claimed, without real research based on comparative studies, that it was possible to clearly differentiate between the military commercial enterprise of the Middle Ages and the Early Modern period and thus confirm the separation of epochs. It is therefore hardly surprising that there has not been a more intensive exchange on the common subject between medievalists and historians of the Early Modern period.
This unsatisfactory observation forms the point of departure for the planned symposium, which brings together representatives from various disciplines in an international context. The conference is concerned with the connection between military and entrepreneurial activities in the Late Middle Ages and the Early Modern period looking at the historic roots of a very current phenomenon. The symposium will consider military entrepreneurship as a lasting, epoch-spanning aspect, which cannot simply be included as a peripheral phenomenon, or a geographically limited side issue, into a pervasive as well as simplifying view of a linear development of military history, which led from the “medieval feudal armies” to the “professional armies of the emerging state“. On the other hand, breaks in the development of military entrepreneurship can only be identified by diachronic historical research rather than being derived from subject traditions. Initially it must be determined whether and to what extent military entrepreneurship can be harmonised with an idealised view of modernisation and the formation of the state. To this end the political, social, technological and economic conditions should be investigated, under which military entrepreneurship developed, established itself and prospered, as well as later diminished in importance – although without ever completely disappearing.
The concept of a ‘capitalisation of war’ may be helpful for a systematic approach, in which capitalisation should be considered in its widest sense. This can include individuals who offer material or personnel resources in order to generate profit: including money, weapons, technical apparatus, supplies, space, animals and humans. Competencies, too, can be capitalised, such as strategic experience, tactical skills or technical knowledge. Any profits earned can be re-invested into the conduct of war. However, this does not exclusively apply to material profits. Military entrepreneurship includes other forms of profit, other ways of generating capital. The involvement can win prestige and political influence, that is to say social capital; even actual authority can be achieved, secured or strengthened in this way. This, too, may be used as capital in the conduct of war. In short, every resource, which is necessary or useful in warfare, can be entrepreneurially deployed, resulting in a comprehensive capitalisation of war.
The subject will be examined systematically in three sections. The first step will consider the personnel and material resources, finances and logistics. Which resources are being commercially exploited, where do they come from and how are they used? What profits and losses are realised? How is capital organised and received, how is it offered? Which technological and social conditions determine developments?
The second step will focus more closely on the individuals concerned: which social profiles, career patterns, personalities, motives and contexts for action can be identified? Who are the military entrepreneurs? When and why is military entrepreneurship successful, under what circumstances does it fail? Where and under which conditions are conventions formed? Is military entrepreneurship a phase in life or can be seen as a form of existence?
The capitalisation of war has always attracted admiration and contempt, approval as well as criticism. Therefore, it appears instructive to give the representation, interpretation and perception of military entrepreneurship equal space in a third section. This will initially focus on the media used in representation: pictures and sculptures, architecture and interior design, literature and poetry, music, seals, coats of arms and inscriptions – all these things may be relevant here. Thereafter comes the question of perception and interpretation in philosophy, theology and historiography. It will be important to differentiate sharply between self-portrayal and self-interpretation of the military entrepreneurs, the contemporary external perception and later interpretation – this differentiation seems an obvious aspiration, which in practice often proves difficult to achieve.
The goal of the symposium is a presentation of a series of case studies and systematic investigations, which will provide on a historical basis a sharper outline of the profile of European military entrepreneurship between the thirteenth and seventeenth centuries, leading to questions about continuity and change in the form and function of this phenomenon.
Matthias Meinhardt/Markus Meumann
