Die Autobiographie des kursächsischen Fouriers Friedrich Christian Sohr (1748 bis 1788)
Einleitung von Stefan Kroll
Im Jahre 1788 veröffentlichte der Verlag Fickelscherer in Görlitz unter dem Titel „Meine Geschichte“ die Autobiographie eines Unbekannten.1Bis auf den Anfangsbuchstaben „S“ auf der Titelseite und die Buchstabenkombination „S–r.“ am Ende der letzten (174.) Druckseite bleibt der Verfasser anonym. Der Titel und die unscheinbare äußere Aufmachung lassen zunächst keinen näheren Aufschluss zum Inhalt des Buches zu. Bei eingehenderer Lektüre offenbart sich jedoch recht bald, dass die Veröffentlichung einen erheblichen Wert für die militärgeschichtliche Forschung zum 18. Jahrhundert besitzen könnte, denn der Urheber, ursprünglich ein Kaufmannsgehilfe, schildert in seiner Autobiographie insbesondere seine Erlebnisse als Fourier2 bei der kursächsischen Armee in den Jahren 1775 bis 1784 sowie (auf mehr als 70 Seiten) die daran anschließenden Erfahrungen als Deserteur in Österreich. Während mittlerweile auch von Unteroffizieren und einfachen Soldaten eine ganze Reihe autobiographischer Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert in edierter Form vorliegt,3 sind ausführliche Selbstzeugnisse von Deserteuren aus dieser Zeit äußerst selten.4 Insbesondere aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, die Autobiographie des Fouriers nochmals als Edition im Internet zu veröffentlichen, obwohl sie bereits seit 1788 gedruckt vorliegt.5 Eigene Forschungen zur Geschichte kursächsischer Soldaten und eine darauf basierende, recht gute Kenntnis der Quellenlage ermöglichen neben der Wiedergabe als Faksimile und der Transkription auch eine kritische Edition des Textes.6 In einem ausführlichen Anmerkungsapparat werden nicht nur heute ungebräuchliche oder unbekannte Begriffe entschlüsselt, sondern darüber hinaus auch in größerer Anzahl inhaltlich weiterführende Erläuterungen und Aufschlüsselungen geboten. Die Edition stützt sich nicht unwesentlich auf studentische Vorarbeiten im Rahmen eines Seminars an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock im Wintersemester 2004/2005.7
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Hinweise zur Edition:
– Quellen- und Literaturverweise werden in den Fußnoten in Kurzform geboten. Die Auflösung ist über das nachfolgende Quellen- und Literaturverzeichnis möglich.
– Abkürzungen von Namen und Orten, die der Verfasser verwendet hat, sind nur dort aufgelöst worden, wo das zweifelsfrei möglich war.
– Erläuterungen zu fremdsprachlichen und heute ungebräuchlichen Begriffen werden jeweils nur beim ersten Auftreten gegeben.
Abgekürzt zitierte Quellen und Literatur:
ADB:
Elektronische Allgemeine Deutsche Biographie (Internet-Version)
< http://mdz1.bib-bvb.de/~ndb/adb_index.html, letzter Aufruf: 12.2.2006>
Adelung:
Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Wien 1811 (Internet-Version)
<http://mdz.bib-bvb.de/digbib/lexika/adelung, letzter Aufruf: 12.2.2006>
Barthold/Verlohren:
Barthold, Max/Verlohren, Franz (Hrsg.): Stammregister und Chronik der Kur- und Königlich Sächsischen Armee von 1670 bis zum Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, bearbeitet von Heinrich August Verlohren, Leipzig 1910.
Begräbnisregister PP Görlitz:
Begräbnisrregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz.
Duden-Fremdwörterbuch:
Duden – Das große Fremdwörterbuch, 3. Aufl., Mannheim u. a. 2003.
Fischer:
Fischer, Otto: Die Ordinationen der Feldprediger in der alten preußischen Armee 1718-1805, in: Archiv für Sippenforschung und alle verwandten Gebiete, Bd. 6 (1929), H. 9, S. 289-328.
Götze:
Götze, Robby Jochim: Die gräflich-schönburgische „Schloßcompagnie“ zu Glauchau, in: Sächsische Heimatblätter 3/1994, S. 126-130.
ML:
Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Musterungsliste, Nr. […]
SHStA Dresden, Locat 1157:
SHStA Dresden, Locat 1157. Die von dem Obristen v. Stieglitz bewerckstelligte Übernahme und Entlassung der von dem Königl. Preußischen Obristen von Bischoffswerder in Sachsen Anno 1779 errichteten Feld-Jäger-Corps betr. 1779, 1801-1808.
Scherer:
Scherer, Erich: Handlexikon Militärgeschichte. Zur Geschichte des Militärs mitteldeutscher Kleinstaaten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, CD-ROM-Ausgabe (Digitale Bibliothek, Bd. 109), Berlin 2004.
Struve:
Struve, E. E.: Zur Geschichte des Gymnasiums in Görlitz von der Mitte des XVIII. Jahrhunderts an bis auf die Gegenwart, in: Programm, durch welches zur Feier des 300jährigen Jubiläums des städtischen Gymnasiums zu Görlitz am 26. und 27. Juni 1865 geziemend einladen der Direktor und das Lehrerkollegium, Görlitz 1865.
Taufregister PP Görlitz:
Taufregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz.
Trauregister PP Görlitz:
Trauregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz.
Zedler:
Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, 68 Bde., Halle, Leipzig 1732-1754 (Internet-Version)
<http://www.zedler-lexikon.de letzter Aufruf: 12.2.2006>
1 S., Meine Geschichte, Görlitz 1788.
2 Der Fourier war als Fach- und Funktions-Unteroffizier für die Versorgung und Unterbringung zuständig, erledigte Schreib- und Verwaltungsaufgaben und fungierte als Kassenwart der Kompanie.
3 Hervorgehoben seien: Johann Jacob Dominicus, Aus dem siebenjährigen Krieg: Tagebuch des preußischen Musketiers Dominicus; nebst ungedruckten Kriegs- und Soldatenliedern, hrsg. von Dietrich Kerler, München 1891; Friedrich Christian Laukhard, Leben und Schicksale von ihm selbst beschrieben, hrsg. von Karl Wolfgang Becker, Leipzig 1989; Ulrich Bräker, Sämtliche Schriften, Bd. 1: Tagebücher 1768-1778, München 1998; ders., Sämtliche Schriften, Bd. 4: Lebensgeschichte und vermischte Schriften, München 2000; ders., Was gehen mich eure Kriege an? Soldatsein unter dem Großen Friedrich, [o. O.] 1985. Vgl. dazu zuletzt: Jürgen Kloosterhuis, Donner, Blitz und Bräker. Der Soldatendienst des „armen Mannes im Tockenburg“ aus der Sicht des preußischen Militärsystems, in: AlfredMesserli, Adolf Muschg M (Hrsg.), Schreibsucht. Autobiographische Schriften des Pietisten Ulrich Bräker (1735-1798), Göttingen 2004 (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, 44), S. 129-187.
4 Michael Sikora, Disziplin und Desertion. Strukturprobleme militärischer Organisation im 18. Jahrhundert, Berlin 1996 (Historische Forschungen, 57), S. 32. Der „berühmteste“ Deserteur des 18. Jahrhunderts ist in der deutschsprachigen Militärgeschichtsschreibung bisher zweifelsohne Ulrich Bräker, der seiner Flucht aus preußischen Diensten während der Schlacht bei Lobositz 1756 ein Kapitel seiner „Lebenserinnerungen“ gewidmet hat. Bräker, Schriften, Bd. 4 (wie Anm. 6), S. 463-469. Auch in seinem zeitnäher, aber wesentlich knapper verfassten und weniger bekannten Tagebuch findet sich die Episode. Bräker, Schriften, Bd. 1 (wie Anm. 6), S. 21 f.
5 Indes gibt es von der 1788 erschienenen Publikation heute offenkundig nur noch sehr wenige Exemplare. Mir ist bisher nur eines in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und ein weiteres in der Bayerischen Staatsbibliothek München bekannt.
6 Eine ausführliche Auswertung der Autobiographie habe ich in meiner Habilitationsschrift vorgenommen: Stefan Kroll, Soldaten im 18. Jahrhundert zwischen Friedensalltag und Kriegserfahrung. Lebenswelten und Kultur in der kursächsischen Armee 1728-1796 (erscheint im Frühjahr 2006 im Schöningh-Verlag, Paderborn).
7 An der Transkription des Textes, der Entschlüsselung heute ungebräuchlicher Begriffe sowie der Erstellung der digitalen Scans waren als Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer Dirk Frontzek, Simon George, Markus Hartig, Daniel Kötzing, Corinna Schulz, Claas Selck, Carl-Christian Wahrmann, Thomas Winnig und Sarah Wendlandt sowie als studentische Hilfskraft Steffen Ruch beteiligt.
8 So findet sich seine Angabe über das Engagement als Fourier beim kursächsischen Infanterie-Regiment Le Coq in der entsprechenden Musterungsliste bestätigt. Unter dem 3. April 1775 wird der 27 Jahre alte, 68 Zoll große Friedrich Christian Sohr aus Görlitz, evangelisch und der „Profession“ nach Kaufmann, dort unter den Neuzugängen aufgeführt. Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Musterungslisten, Nr. 898.
9 Nach einem genealogischen Auszug aus dem so genannten „Jechtkatalog“ im Ratsarchiv Görlitz handelt es sich bei Sohrs Vater um Friedrich Samuel Sohr (1710-1772). Ich danke Herrn Ratsarchivar Siegfried Hoche für die freundliche Auskunft. Diese Information – und das angegebene Geburtsdatum des Autors – finden ihre Bestätigung durch den Taufeintrag Friedrich Christian Sohrs im Taufregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz. Das bei Gottlieb Friedrich Otto, Lexicon der seit dem 15. Jahrhundert verstorbenen und jetzt lebenden oberlausitzischen Schriftsteller und Künstler, aus d. glaubwürdigsten Quellen möglichst vollst. Zusammengetragen. Bd. 3, Görlitz 1803, S. 303, angegebene Geburtsdatum Friedrich Samuel Sohrs (2.2.1728), kann nicht stimmen, denn als Datum der Dissertation wird dort 1736 genannt.
10 Diese Angaben finden sich ebenfalls bestätigt in den Tauf-, Trau- und Begräbnisregistern der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz. Danach heiratete Sohr am 23.1.1782 Juliana Wilhelmina Schillbach, die Tochter eines Souslieutnants beim dritten kursächsischen Kreisregiment. Am 13.1.1787 wurde dem Ehepaar die Tochter Friederica Juliana geboren. Sie starb bereits ein gutes Jahr später, am 20.2.1788.
11 Max Barthold, Franz Verlohren (Hrsg.), Stammregister und Chronik der Kur- und Königlich Sächsischen Armee von 1670 bis zum Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, bearbeitet von Heinrich August Verlohren, Leipzig 1910, S. 154.
12 Jüngster zusammenfassender Überblick bei Joachim Bahlcke, Die Oberlausitz. Historischer Raum, Landesbewußtsein und Geschichtsschreibung vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert, in: Ders. (Hrsg.), Geschichte der Oberlausitz. Herrschaft, Gesellschaft und Kultur vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Leipzig 2001, S. 11-53, hier S. 24-31.
13 Alexander Schunka, Die Oberlausitz zwischen Prager Frieden und Wiener Kongreß (1635 bis 1815), in: Bahlcke (Hrsg.), Geschichte (wie Anm. 15), S. 143-179, hier S. 163.
14 Lausizische Monatsschrift, Anzeigen, Jg. 1795, S. 380.
15 Angaben nach dem „Jechtkatalog“ im Ratsarchiv Görlitz. Die Väter von Samuel August und Friedrich Christian Sohr waren Brüder. Als Friedrich Christian Sohr im Januar 1787 seine Tochter taufen ließ, war Samuel August Sohr einer der Taufpaten. Taufregister der Evangelischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Görlitz.
16 Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften Görlitz: Archiv der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, VIIII. 44. Weitere Veröffentlichungen Samuel August Sohrs sind nachgewiesen bei Otto, Lexicon (wie Anm. 12), S. 304.
17 Er selbst schreibt eingangs: „Auf Zureden einiger meiner guten Freunde bin ich bewogen worden meine Lebensgeschichte zu schreiben“. S., Geschichte (wie Anm. 4), S. 7.
18 Fabian Brändle u. a., Texte zwischen Erfahrung und Diskurs. Probleme der Selbstzeugnisforschung, in: Kaspar von Greyerz u. a. (Hrsg.), Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich. Europäische Selbstzeugnisse als historische Quellen (1500-1850), Köln u. a. 2001 (Selbstzeugnisse der Neuzeit, 9), S. 3-31, hier S. 12.
19 Günter Niggl, Geschichte der deutschen Autobiographie im 18. Jahrhundert. Theoretische Grundlegung und literarische Entfaltung, Stuttgart 1977, S. 80 f.
20 Brändle u. a., Texte (wie Anm. 21), S. 20-24, die in ihren Forschungsüberblick zum Thema „Psychologisierung des Selbstzeugnisses im 18. Jahrhundert“ auch geschichtswissenschaftliche Arbeiten mit einbeziehen.
21 Vgl. dazu Bräker, Kriege (wie Anm. 6).
22 Die Psychologisierung des Selbstzeugnisses gehört zu den klassischen Arbeitsgebieten literaturwissenschaftlicher Forschung. Dabei wird unter „Psychologisierung“ eine Verweltlichung der Selbstbeobachtung verstanden. Autobiographien werden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu „Seelengeschichten“. Brändle u. a., Texte (wie Anm. 21), S. 20.
23 Brändle u. a., Texte (wie Anm. 21), S. 24.
24 Ähnliche Vorbehalte gelten im Übrigen auch gegen die autobiographische „Lebensgeschichte“ Bräkers. Er verfasste sie mit einem Abstand von rund 30 Jahren zu seiner Militärzeit, als er sich selbst bereits nicht mehr in der geistigen Welt der Unterschichten befand, sondern vielmehr nach umfänglichen geisteswissenschaftlichen Studien zu einem Anhänger der Aufklärung geworden war. Vgl. dazu unter anderem Hans-Günther Thalheim, Einleitung, in: Bräkers Werke in einem Band, 3., neubearbeitete Auflage, Berlin (Ost), Weimar 1989, S. V-XLIV
| Empfohlene Zitierweise: |
Stefan Kroll: Einleitung - Die Autobiographie des kursächsischen Fouriers Friedrich Christian Sohr (1748 bis 1788), url: http://www.amg-fnz.de/quellen/sohr/einleitung.htm
