Motive zur Gründung des AMG
Als Ende der 1960er und in den 1970er Jahren die Sozialgeschichte ihren Siegeszug antrat und statt der Politik- und Ereignisgeschichte intensiv soziale und ökonomische Strukturen betrachtet wurden, blieb die Militärgeschichte hiervon nahezu völlig ausgenommen. In einer Mischung aus tradierter akademischer Ablehnung des Faches seit den Tagen Delbrücks und elementaren Berührungsängsten der Kriegsgeneration wurde die Militärgeschichte in die Isolation getrieben. Die Folge war, daß sich dem Fach fast ausschließlich aktive und ehemalige Militärs widmeten, die oft genug apologetische Werke schrieben und eigene Vergangenheitsbewältigung trieben. Hinzu kamen unzählige, oft reich bebilderte und detailverliebte Jubiläumswerke von Traditionsverbänden und Reservistenvereinen, die das Vorurteil der etablierten Zunft, Militärgeschichte erschöpfe sich weitgehend in der Selbstdarstellung der Truppe, weiter verfestigten.
Zu dieser Isolation trug weiterhin bei, daß in den beiden deutschen Teilstaaten - in gewisser Weise in Fortsetzung der Kriegsgeschichtlichen Abteilung des Großen Generalstabes - in den 1950er bzw. 1960er Jahren abseits der Universitäten von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee Forschungsinstitute gegründet wurden, die fortan eine Art Monopol auf die Militärgeschichte erhielten:
das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) in Freiburg und das Militärgeschichtliche Institut (MGI) in Potsdam.
Als Konsequenz dieser besonderen historiographischen Entwicklung in Deutschland wurde bis Ende der 1980er Jahre der Faktor Militär von der allgemeinen Geschichte bestenfalls stiefmütterlich behandelt. Für die Frühe Neuzeit bedeutete dies, daß selbst in vielen Handbuchdarstellungen überhaupt jeder Hinweis auf die "militärische Revolution" und die bewaffnete Macht fehlt. Insbesondere die sozial- und alltagsgeschichtliche Erforschung des Militärs blieb unbefriedigend. Sozialgeschichtlich angelegte Studien, solche also, in denen die realen Existenzbedingungen der sozialen Großgruppe "Militär" und ihr Verhältnis zur Gesamtgesellschaft beleuchtet werden, stellten bis in jüngste Zeit eine Ausnahme dar.
Diese unbefriedigende Situation ist um so gravierender, als die Fundamentalprozesse der Frühen Neuzeit, Staatsbildung, Sozialdisziplinierung und bis zu einem gewissen Grad selbst die Konfessionalisierung, ohne eine Berücksichtigung des Faktors Militär nicht angemessen untersucht werden können.
Nach der langen Phase einer vernachlässigten bzw. oft nur unzureichend oder einseitig betriebenen Militärgeschichte erlebte das Thema erst seit Beginn der 1990er Jahre eine Retablierung im Rahmen der universitären Geschichte und erfreute sich alsbald vor allem unter jüngeren HistorikerInnen steigenden Interesses.
Um dieses Interesse aufzunehmen, ein Diskussionsforum zu bieten und über die einzelnen Forschungsprojekte zu informieren, wurde im Frühjahr 1995 der Arbeitskreis "Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit" gegründet. Die erste Idee dazu entstand im Sommer 1993, als Bernhard R. Kroener und Ralf Pröve mit ihren Vorbereitungen für die Tagung "Cives ac Milites" begannen. Dieses im Mai 1995 in Potsdam-Neufahrland veranstaltete Kolloquium schuf ein thematisches Fundament für den AMG. Die etwa 40 anwesenden Historikerinnen und Historiker beauftragten die beiden Organisatoren mit der kommissarischen Leitung des Arbeitskreises. In den folgenden Monaten ergab eine im Kollegenkreis der Frühneuzeithistoriker durchgeführte Umfrage eine breite Zustimmung zu dieser Initiative; nahezu hundert Kollegen bekundeten dabei ihr Interesse an einer Mitwirkung im AMG und wollten weiterhin informiert werden.
